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HAZ-Magazin 'Aktiv im Leben' vom 06.12.2012

Einfach mal loslassen: Vom Zauber der Langsamkeit

Zu viel Stress macht krank: Mit Qigong lässt sich die innere Balance wieder herstellen - doch mach braucht dazu Geduld

von Carolin Burchardt

 

Es ist immer wieder das gleiche Phänomen: Irgendwann ist die Spannung in dem kleinen, hellen Übungsraum der Praxis in der Lindener Nedderfeldstraße so stark, „dass ich das Gefühl habe, gleich flippt hier einer aus“ sagt der gelernte Masseur Jürgen Keller. Mit „einer“ meint er einen seiner Patienten, der in diesem Fall nicht auf der Behandlungsliege des Therapeuten liegt, sondern in einem angrenzenden Übungsraum mit scheinbar stoischer Ruhe möglichst langsame, gleichförmige Bewegungen ausführt.

 

„Sich auf diese Langsamkeit einzustellen, das fällt manchen total schwer“ , weiß Keller aus seiner gut 25-jährigen Erfahrung als Masseur und Qigong-Lehrer. Er erinnert sich: „Als ich damals als Masseur angefangen habe, da kamen die Leute mit einem Zwölfer-Rezept. Heute fragen sie schon nach zwei, drei Behandlungen, ob sie nicht noch etwas anderes tun können, um sich schneller wieder besser zu fühlen.“


Die Fähigkeit, sich einfach nur auf ein Thema einzulassen, sei vielen abhanden gekommen, sagt der 58-Jährige nachdenklich. „Viele haben einfach keine Geduld mehr mit sich selbst.“ Und er formuliert es noch krasser: „Bevor uns der Klimawandel schafft, schaffen wir uns selber mit dieser ewigen Hetzerei.“


Jürgen Keller - Quigong

In Kellers Qigong-Kurse kommen vornehmlich ältere Leute. „Die jüngeren haben es eher mit Yoga“ , weiß der Hannoveraner, in dessen Praxis auch eine Yogalehrerin ihre Kurse anbietet. Die Nachfrage beim Qigong ist groß. An diesem Mittwochmorgen üben fünf Frauen zwischen Mitte vierzig und Mitte siebzig die fließenden Übungen, die ihren Ursprung in China haben. Sie tragen so hübsche und vielsagende Namen, wie die „Acht Brokate“ oder die „Verjüngungsübungen des chinesischen Kaisers“ .


Christiane Domnick ist eine der Frauen. Die 48-Jährige kommt seit zweieinhalb Jahren in Kellers Praxis sowohl zum Qigong als auch zur Akupunkt-Massage. Als sie damals die Diagnose Brustkrebs bekam, erinnerte sie sich schnell an ihren ehemaligen Nachbarn und seine Leidenschaft für die chinesischen Heilmethoden. Noch während der Chemotherapie hatte Domnick mit den Massagen und Qigong begonnen und heute – gut zweieinhalb Jahre später – sagt sie noch immer ein wenig überwältigt: „Es hat Wunder gewirkt.“ Selbst die Frauenärztin habe erstaunt auf die sich plötzlich stabilisierenden Blutwerte reagiert. „Ich konnte schnell wieder durchschlafen und war auch psychisch viel stabiler“ , erinnert sich die Erzieherin an diese extreme Zeit.


Das Problem mit der Ungeduld ist auch der Hannoveranerin nicht fremd: „Die ersten zwei, drei Male fiel es mir schwer, die langsamen Bewegungen auszuführen, aber danach spürte ich schon die entspanntere Körperhaltung.“ Noch später habe die Entspannung auch massiv in den Alltag hinein nachgewirkt. Seither übt sie regelmäßig – auch zu Hause für sich allein.


Auf die bloße Entspannung möchte Qigong-Lehrer Keller den Effekt seiner Übungen aber nicht reduziert wissen, da reagiert er fast ein bisschen ärgerlich: „Entspannung ist heute so eine Larifari-Bezeichnung“ das klinge seiner Meinung nach wie „sich mal ein bisschen verwöhnen lassen“ und das werde der Sache einfach nicht gerecht.

Jürgen Keller an seinem Schreibtisch

Keller sieht in der Akupunkt-Massage genauso wie im Qigong und Tai-chi, das er auch seit Jahren unterrichtet, eine Heilmethode. Im Fall von Christiane Domnick und ihrer Brustkrebs-Erkrankung hat sich die heilende Wirkung bestätigt.


Zu viel Stress macht krankt – ob es eine schwere Krankheit, der völlig überfrachtete Berufsalltag oder privater Stress ist: Mit Qigong lässt sich die innere Balance wieder herstellen. Was es dafür braucht: Geduld. Doch damit tun sich offenbar immer mehr Menschen schwer.


Christiane Domnick gilt heute als geheilt. Auch wenn Keller das in seiner langjährigen Tätigkeit in so einer krassen Form noch nicht erlebt hat. „Wie extrem die positiven Auswirkungen sein können, war mir so auch nicht bewusst“, sagt der 58-Jährige. Dennoch: Von der positiven Wirkung für den Körper war Keller schon immer überzeugt. Gute Erfolge habe er mit seinen Heilmethoden auch bei Wechseljahrbeschwerden und Burn-Out-Patienten gehabt: „Es gleicht aus und mildert ab.“ Ob körperlich oder psychisch, energetisch spiele keine Rolle.


Qigong oder Tai-chi? Keller ist von beiden Arten gleichermaßen überzeugt: Zuerst sei da dieses Gefühl, innerlich total aufgedreht zu sein, und dann „plötzlich spürt man, wie man anfängt loszulassen“.


Auch wenn er den Begriff Entspannung etwas kritischer sieht, wie fühlt sie sich denn an, die absolute und endgültige Tiefenentspannung? Jürgen Keller beginnt zu lächeln, legt einen Finger auf den Mund, richtet den Blick zur Zimmerdecke und überlegt kurz. Dann sagt er ganz mit der ihm eigenen Ruhe und Gelassenheit: „Alles ist leicht, fühlt sich verbunden und heil an. Es tut nichts weh, und jede Bewegung ist angenehm.“ Es muss einigen Patienten in Jürgen Kellers Praxis so gehen, denn so viel steht fest: Wirklich ausgeflippt ist bei ihm noch keiner.